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Wohnschutz
Bornavirus & Spitzmaus → 23 Min. Lesezeit

Bornavirus-Risikogebiete: Karte für Deutschland & Bayern

Wo liegen die Bornavirus-Risikogebiete? Karte aller Bundesländer mit BoDV-1-Fällen: Bayern als Schwerpunkt, Einzelfälle in Brandenburg und Thüringen.

Von Vyacheslav Levchenko
Karte der Bornavirus-Risikogebiete: Bayern als Schwerpunkt, Einzelfälle in Brandenburg und Thüringen, ein Altfall in Niedersachsen

Bayern ist der Schwerpunkt, alles andere sind Einzelfälle: Über 90 % der seit 2020 gemeldeten menschlichen BoDV-1-Infektionen entfallen auf Bayern, dazu kommen vier Fälle in Brandenburg, einer in Thüringen und ein Altfall in Niedersachsen. Die Karte weiter unten zeigt alle Bundesländer im Überblick. Wie hoch Ihr persönliches Risiko ist, entscheidet allerdings nicht die Landesgrenze, sondern ob in Ihrer Umgebung Feldspitzmäuse leben und ob Sie mit ihren Ausscheidungen in Kontakt kommen.

Der Erreger heißt offiziell Borna Disease Virus 1 (BoDV-1). Geschrieben wird er sowohl Bornavirus als auch Borna-Virus – gemeint ist dasselbe Virus.

Inhalt · 12 Abschnitte

Medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Bei Fieber, Kopfschmerzen oder neurologischen Auffälligkeiten nach möglichem Kontakt mit einer Spitzmaus oder deren Ausscheidungen sofort ärztliche Hilfe suchen und den möglichen Kontakt nennen.

Aktuelle Fallzahlen: Wie selten ist Bornavirus wirklich?

Risikogebiet für BoDV-1 ist vor allem Bayern – dort wurden über 90 % aller seit 2020 gemeldeten Fälle registriert. Einzelfälle gab es außerdem in Brandenburg, Thüringen und (vor 2020) in Niedersachsen. In allen anderen Bundesländern ist bisher kein einziger menschlicher Fall bekannt. Bundesweit sind es 1 bis 7 Fälle pro Jahr.

Jeder neue Bornavirus-Todesfall in Bayern sorgt für Schlagzeilen. Was oft untergeht: Bornavirus-Erkrankungen beim Menschen zählen zu den seltensten Infektionskrankheiten in Deutschland – bei einer Bevölkerung von über 84 Millionen Menschen wurden seit 1992 insgesamt 51 Infektionen nachgewiesen (Bundesregierung, Drucksache 21/992 vom 23.07.2025, Datenstand 13.07.2025).

Das bedeutet nicht, dass das Thema irrelevant ist. Es bedeutet, dass eine sachliche geografische Einordnung besonders wichtig ist – statt pauschaler Angst. Wer in Bayern oder Brandenburg lebt und regelmäßig Außenbereiche pflegt, sollte die relevanten Schutzmaßnahmen kennen; wer in Norddeutschland oder NRW wohnt, kann beruhigt sein: Das persönliche Infektionsrisiko liegt dort nahezu bei null. Wer verstehen möchte, wie das Bornavirus übertragen wird und welche Symptome ernst zu nehmen sind, findet eine vollständige Erklärung in Bornavirus in Bayern – Feldspitzmaus, Symptome und Schutz im Haushalt.

Bornavirus in Deutschland: Einordnung

  1. 1
    1–7 Fälle pro Meldejahr

    Seit Einführung der Meldepflicht am 1. März 2020 – eine der seltensten Zoonosen Deutschlands

  2. 2
    Über 90 % der Fälle in Bayern

    LGL Bayern, Stand Juni 2026; dort ist BoDV-1 fast flächendeckend in Feldspitzmaus-Populationen nachgewiesen

  3. 3
    Keine Impfung verfügbar

    Prävention durch Kontaktvermeidung ist der wichtigste Schutz

  4. 4
    Keine Mensch-zu-Mensch-Übertragung

    Im Alltag gibt es keine bekannte Übertragung von Person zu Person

Zahlen basieren auf gemeldeten und bestätigten Fällen. Dunkelziffer unbekannt, da frühe Symptome unspezifisch sind.

Gemeldete BoDV-1-Fälle beim Menschen nach Meldejahr

Meldejahr Bayern Andere Bundesländer Gesamt
1992–2019 25 1 Brandenburg, 1 Niedersachsen 27
2020 4 4
2021 6 1 Thüringen 7
2022 3 2 Brandenburg 5
2023 4 1 Brandenburg 5
2024 1 1
2025 (bis 30.07.) 2 2

Datenstand 13.07.2025 (Bundesregierung, Drucksache 21/992 vom 23.07.2025): insgesamt 51 nachgewiesene Infektionen, davon 50 tödlich; ein Patient überlebte mit bleibenden neurologischen Schäden. Für 2026 meldet Bayern bis zum 2. Juli fünf Fälle, alle tödlich – nach zwei Fällen im Jahr 2024 und fünf im Jahr 2025 (Bayerisches Gesundheitsministerium, 02.07.2026). Einen Trend leitet das Ministerium aus dem Anstieg ausdrücklich nicht ab: Bei so kleinen Zahlen können zwei oder drei Fälle mehr reiner Zufall sein.

Bornavirus-Karte: Wo liegen die Risikogebiete in Deutschland?

Die geografische Verteilung der bekannten Bornavirus-Fälle beim Menschen folgt einem klaren Muster. Fälle häufen sich in einem Korridor, der sich von Teilen Brandenburgs über Bayern bis nach Österreich erstreckt. Innerhalb Deutschlands ist Bayern klar der Schwerpunkt.

Bornavirus-Karte Deutschland: BoDV-1-Fälle beim Menschen nach Bundesland

Baden-Württemberg: keine Fälle gemeldet Bayern: über 60 Fälle (1996–2026) Berlin: keine Fälle gemeldet Brandenburg: 4 Fälle Bremen: keine Fälle gemeldet Hamburg: keine Fälle gemeldet Hessen: keine Fälle gemeldet Mecklenburg-Vorpommern: keine Fälle gemeldet Niedersachsen: 1 Fall Nordrhein-Westfalen: keine Fälle gemeldet Rheinland-Pfalz: keine Fälle gemeldet Saarland: keine Fälle gemeldet Sachsen-Anhalt: keine Fälle gemeldet Sachsen: keine Fälle gemeldet Schleswig-Holstein: keine Fälle gemeldet Thüringen: 1 Fall BY BB NI TH
  • Schwerpunkt
  • Einzelfälle seit 2020
  • nur Altfall vor 2020
  • keine Fälle gemeldet
Bayern
über 60 Fälle (1996–2026) — über 90 % aller Meldungen seit 2020; 2026 bisher 5 Fälle
Brandenburg
4 Fälle — 1 vor 2020, 2 im Jahr 2022, 1 im Jahr 2023
Thüringen
1 Fall — Meldejahr 2021
Niedersachsen
1 Fall — vor Einführung der Meldepflicht 2020, seither keiner
Gezählt sind laborbestätigte BoDV-1-Infektionen beim Menschen. Weiße Flächen bedeuten: In diesem Bundesland ist bisher kein einziger menschlicher Fall bekannt. Quellen: Bundesregierung, Drucksache 21/992 vom 23.07.2025 (Datenstand 13.07.2025) für die bundesweite Verteilung; LGL Bayern (Stand Juni 2026) und Bayerisches Gesundheitsministerium (02.07.2026) für die bayerischen Zahlen. Kartografische Auswertung: wohnschutz.com Kartengrundlage: © GeoBasis-DE / BKG (VG2500), Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0

Warum die Zahlen je nach Quelle leicht abweichen: Das RKI zählt Meldungen nach Infektionsschutzgesetz, das LGL zusätzlich Fälle, die erst später – teils Jahre nach der Erkrankung – im Labor bestätigt wurden. Deshalb nennt Bayern für sich mehr Fälle, als in der bundesweiten Meldestatistik für Bayern stehen. Beide Zahlen sind korrekt, sie messen Unterschiedliches.

Geografische Risikoeinschätzung nach Region

  1. Bayern

    Höchste Fallzahlen, mehrere Regionen als Schwerpunkt dokumentiert

  2. Brandenburg

    Vereinzelte Fälle bekannt, Feldspitzmaus in Teilen nachgewiesen

  3. Österreich, Schweiz, Liechtenstein

    Kleine Teile gehören laut LGL ebenfalls zum Endemiegebiet von BoDV-1

  4. Nordrhein-Westfalen

    Dem RKI bisher keine menschlichen Fälle gemeldet

  5. Norddeutschland

    Feldspitzmaus kaum verbreitet, Risiko nach Expertenmeinung sehr gering

Risikoregionen können sich verändern, da Verbreitungsgebiete von Tierarten nicht statisch sind.

Bin ich betroffen? Drei Schritte zur eigenen Einschätzung

Die Bundesland-Karte ist nur der erste Schritt. Entscheidend ist nicht die Landesgrenze, sondern ob in Ihrer unmittelbaren Umgebung Feldspitzmäuse leben – und ob Sie mit ihnen oder ihren Ausscheidungen in Kontakt kommen.

In drei Schritten einordnen

  1. 1
    Bundesland prüfen

    Außerhalb von Bayern, Brandenburg und Thüringen ist bisher kein einziger menschlicher Fall bekannt. Dort ist das Risiko rechnerisch nahe null.

  2. 2
    Wohnlage prüfen

    Als einziger Risikofaktor fiel in einer Fall-Kontroll-Studie das naturnahe Wohnen in Einzellage oder am Ortsrand auf – innerhalb bekannter Endemiegebiete. Stadtwohnungen ohne Garten oder Nebengebäude fallen nicht darunter.

  3. 3
    Kontaktpunkte prüfen

    Scheune, Schuppen, Holzstapel, Kompost, Keller mit Außenzugang: Dort leben Spitzmäuse und dort liegen ihre Ausscheidungen – nicht in der Wohnung selbst. Bringt die Katze eine tote Spitzmaus, gilt dieselbe Hygiene.

Auch bei allen drei Treffern bleibt das absolute Risiko extrem gering: In ganz Deutschland sind es 1 bis 7 Fälle pro Jahr.

Betroffene Landkreise 2026: Die bayerischen Fälle werden von Landratsämtern und Gesundheitsämtern einzeln bekannt gegeben. Öffentlich gemacht wurden bis Anfang Juli fünf Orte:

  • Landkreis Erding – Meldung vom 23. März 2026
  • Landkreis Unterallgäu, Raum Bad Wörishofen – Ende April 2026
  • Stadt Augsburg – Todesfall, gemeldet am 7. Mai 2026
  • Landkreis Regen, Viechtach – Meldung vom 18. Mai 2026, eine 79-jährige Person in intensivmedizinischer Behandlung
  • Landkreis Neuburg-Schrobenhausen – Juni 2026, der erste Fall im Landkreis, erst bei der Obduktion erkannt

Das deckt sich mit den fünf Fällen, die das Gesundheitsministerium am 2. Juli nannte. 2025 lagen die bekannt gewordenen Todesfälle unter anderem in den Landkreisen Pfaffenhofen an der Ilm und Tirschenreuth. Eine laufend gepflegte Landkreis-Karte veröffentlicht das LGL nicht – maßgeblich bleibt die Einschätzung nach Wohnlage und Kontaktpunkten.

Warum ist Bayern besonders betroffen?

Die Antwort liegt in der Biologie des Überträgers. Das Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) ist auf die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) als Reservoirwirt angewiesen. Nur dort, wo diese Tierart vorkommt, kann das Virus in der Natur zirkulieren – und nur dort entsteht ein reales Übertragungsrisiko für Menschen.

Nach Angaben des LGL trägt die Feldspitzmaus das Virus in Bayern nahezu flächendeckend – nur aus dem Nordwesten Bayerns gibt es bislang keine Nachweise. Klimatische Bedingungen, Landschaftsstruktur und Bodentypen kommen ihr dort entgegen. In Regionen, in denen die Feldspitzmaus selten oder gar nicht vorkommt, fehlt schlicht die Voraussetzung für eine Übertragungskette.

Hinzu kommt ein epidemiologischer Effekt: Bayern hat eine gut aufgestellte Infektionsüberwachung. Fälle werden erkannt, gemeldet und bestätigt. Das erklärt zum Teil auch, warum Bayern statistisch so hervorsticht.

Feldspitzmaus ≠ Hausmaus

Die Feldspitzmaus ist kein Nagetier und sieht der Hausmaus nicht ähnlich. Sie ist kleiner, hat eine spitze Schnauze und lebt vor allem im Außenbereich. Tote Kleinsäuger grundsätzlich nicht mit bloßen Händen anfassen – unabhängig von der Art.

Risiko außerhalb Bayerns: Brandenburg, NRW und der Norden

Dass der aktuelle Todesfall in Bayern erneut für Schlagzeilen sorgt, hat auch Auswirkungen auf Menschen weit außerhalb der eigentlichen Risikogebiete. Chefarzt Karl Dichtl vom Evangelischen Klinikum Bethel in Bielefeld (NRW) bewertet das Risiko für Ostwestfalen-Lippe klar:

„Das Risiko geht gegen null – wir haben einen Erreger mit einem unglaublich geringen Ansteckungsrisiko und ein Wirtstier, dessen Lebensraum schrumpft.”

Das Robert Koch-Institut bestätigt: In Nordrhein-Westfalen sind bisher keine menschlichen Bornavirus-Fälle gemeldet worden (RKI, 2026). Ähnliches gilt für die meisten norddeutschen Bundesländer.

Brandenburg ist das einzige Bundesland außerhalb Bayerns mit mehr als einem Fall. Der Bundesregierung sind dort vier menschliche BoDV-1-Infektionen bekannt: eine vor 2020, zwei im Jahr 2022 und eine im Jahr 2023 (Drucksache 21/992, Datenstand 13.07.2025). Auf die Frage nach dem Gefährdungspotenzial antwortet sie in derselben Drucksache: „Teile Brandenburgs zählen zum Endemiegebiet von BoDV-1. Somit ist hier das Gefährdungspotenzial höher als in den Bundesländern, in denen BoDV-1 nicht vorkommt.“ Aus Thüringen ist ein Fall gemeldet (2021), aus Niedersachsen ein Altfall aus der Zeit vor der Meldepflicht.

Wichtig für die Karte: Endemiegebiet und Fallkarte sind nicht dasselbe. Die Karte oben zeigt, wo Menschen erkrankt sind – also vier Bundesländer. Das mutmaßliche Endemiegebiet ist die Fläche, in der infizierte Feldspitzmäuse nachgewiesen sind; RKI, Bernhard-Nocht-Institut und Friedrich-Loeffler-Institut veröffentlichen es als Skizze in ihrem gemeinsamen Merkblatt (Stand 18.09.2024) und nicht als Bundesland-Liste. Es reicht über die vier Länder mit Fällen hinaus, ohne das gesamte Bundesgebiet zu umfassen – laut Merkblatt kommt BoDV-1 in Deutschland „nur in spezifischen Gebieten“ vor. Beruhigend ist dabei die Einschätzung der Bundesregierung: „Aktuell gibt es keine Hinweise auf eine erkennbare Ausbreitungstendenz der heute bekannten Endemiegebiete.“

Warum das Risiko regional so unterschiedlich ist

  1. 1
    Tierverbreitung entscheidet

    Ohne Feldspitzmaus kein Übertragungsreservoir – das Virus kann nicht zirkulieren

  2. 2
    Lebensraum der Feldspitzmaus schrumpft

    Intensivlandwirtschaft und Flächenversiegelung reduzieren geeignete Habitate

  3. 3
    Meldedaten sind unvollständig

    Geringe Fallzahlen können auch Erfassungslücken widerspiegeln

  4. 4
    Kein statisches Bild

    Klimaveränderungen können Tierverbreitungen langfristig verschieben

Feldspitzmaus in Deutschland: Lebensraum und Vorkommen

Die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) bevorzugt strukturreiche, trockene bis mäßig feuchte Lebensräume: Gärten, Hecken, Wegränder, Kompostbereiche, Scheunen, Holzstapel und naturnahe Flächen. Sie lebt vor allem im Boden- und Bodennahbereich und meidet typische Innenräume.

Für Haushalte in Risikoregionen bedeutet das: Die wahrscheinlichsten Kontaktpunkte liegen nicht im Wohnbereich, sondern im Außenbereich – Gartenhaus, Schuppen, Holzlager, Kompost, Keller mit Außenzugang.

Holzstapel und naturnaher Gartenbereich als typischer Lebensraum der Feldspitzmaus
Holzstapel, Hecken und selten geräumte Gartenhäuser sind typische Aufenthaltsorte der Feldspitzmaus.

Wie erkennt man die Feldspitzmaus? Die Feldspitzmaus ist mit 6–9 cm Körperlänge kleiner als eine Hausmaus. Ihr auffälligstes Merkmal ist die spitze, rüsselartige Schnauze – sie ist kein Nager, sondern gehört zur Ordnung der Insektenfresser (Eulipotyphla). Das Fell ist zweifarbig: dunkelbraun auf der Oberseite, hellgrau bis weißlich auf dem Bauch – ein Merkmal, das sie klar von einfarbigen Hausmäusen unterscheidet. Wer sich nicht sicher ist, ob der Fund eine Spitzmaus oder eine Hausmaus war, vergleicht die Merkmale in Spitzmaus oder Maus? Feldspitzmaus erkennen und meiden – dort stehen auch Kot und Geruch als Unterscheidungsmerkmale. Wer ein solches Tier tot im Garten findet, sollte es nicht mit bloßen Händen anfassen, sondern mit Handschuhen in einem Plastikbeutel entsorgen und danach Hände gründlich waschen. Worauf es bei riskanten Gartenarbeiten im Detail ankommt, beschreibt Bornavirus im Garten: Risiko durch Spitzmäuse erkennen.

Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) erkennen – dunkle Oberseite und scharf abgesetzter weißer Bauch, das entscheidende Unterscheidungsmerkmal
Feldspitzmaus (Crocidura leucodon): dunkelbrauner Rücken, scharf abgesetzter weißer Bauch, rüsselartige Schnauze. Eine Hausmaus ist dagegen einfarbig graubraun — diese Trennlinie ist das verlässlichste Unterscheidungsmerkmal. Foto: Dodoni · CC BY-SA 3.0 · via Wikimedia Commons

BoDV-1 im Vergleich mit anderen Zoonosen

Bornavirus-Meldungen erzeugen mediale Aufmerksamkeit weit über das epidemiologische Gewicht hinaus. Ein Vergleich mit anderen tierbürtigen Infektionskrankheiten hilft, das Risiko einzuordnen.

Zoonosen in Deutschland: BoDV-1 im Vergleich

Borrelia (Lyme-Borreliose)

Überträger
Zecken
Fälle/Jahr (D)
80.000–215.000 (Schätzung)
Impfung
Nein (Antibiose)
Letalität (unbehandelt)
Niedrig bei Früherkennung

FSME

Überträger
Zecken
Fälle/Jahr (D)
478–693 gemeldet (2023–2025)
Impfung
Ja (STIKO-Empfehlung)
Letalität (unbehandelt)
0,5–2 % (ZNS-Beteiligung)

Hantavirus (Puumala)

Überträger
Rötelmaus (Ausscheidungen)
Fälle/Jahr (D)
200–2.000
Impfung
Nein
Letalität (unbehandelt)
< 1 % (Puumala-Typ)

BoDV-1 (Bornavirus)

Überträger
Feldspitzmaus (Weg ungeklärt)
Fälle/Jahr (D)
1–7 gemeldet (seit 2020)
Impfung
Nein
Letalität (unbehandelt)
Über 90 % der bekannten Fälle

Die Tabelle zeigt: BoDV-1 ist mit 1 bis 7 gemeldeten Fällen pro Jahr extrem selten – aber fast immer tödlich: Von den 51 bis Juli 2025 nachgewiesenen Infektionen hat nur ein Mensch überlebt. Das Risiko, tatsächlich zu erkranken, liegt für den überwiegenden Teil der Bevölkerung trotzdem nahe null. Hantavirus infiziert in starken Jahren dagegen weit über tausend Menschen, verläuft aber meist glimpflich.

Übertragungswege von BoDV-1 – was wir wissen und was nicht

Wie das Virus von der Feldspitzmaus auf den Menschen gelangt, ist bis heute nicht geklärt. Das LGL nennt mehrere denkbare Wege, ohne einen davon als bewiesen einzustufen:

  • Direkter Kontakt oder Biss einer Feldspitzmaus
  • Schmierinfektion über Erde oder Flächen, die mit Urin, Kot oder Speichel verunreinigt sind
  • Einatmen von Staub, in dem eingetrocknete Ausscheidungen stecken
  • Verunreinigte Lebensmittel oder Wasser

Gesichert ist nur eine Übertragung von Mensch zu Mensch – und die ausschließlich über Organtransplantation. Im Alltag gibt es keine.

Wie wenig über den Moment der Ansteckung bekannt ist, zeigt die bislang größte Befragung: Angehörige von 20 Verstorbenen wurden ausführlich interviewt, und in keinem einzigen Fall ließ sich ein direkter Kontakt mit einer Spitzmaus finden. Bei 13 der 20 lebten aber nachweislich Spitzmäuse ums Haus. Das spricht dafür, dass die Ansteckung unbemerkt über die Umgebung passiert. Weil der Zeitpunkt nie feststand, ist auch die Inkubationszeit unbekannt. Das LGL erforscht die offenen Fragen seit 2023 im Projekt „Zoonotic Bornavirus Focal Point Bavaria“ gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Institut und den Universitätskliniken Regensburg und Augsburg.

Wie hoch ist mein persönliches Risiko?

  1. Wohnort in Bayern oder Brandenburg?

    Feldspitzmaus dort verbreitet – Basisschutz bei Außenarbeiten sinnvoll

  2. Regelmäßiger Kontakt mit Kleintieren oder Gartenarbeit?

    Handschuhe bei Kontakt mit toten Kleinsäugern tragen

  3. Keller, Schuppen, Heu- oder Stromlager?

    Feucht reinigen statt trockenes Kehren; FFP2-Maske in Risikoregionen

  4. Wohnort in NRW oder Norddeutschland?

    Kein besonderes Risiko – allgemeine Hygiene reicht vollständig

Keine Schutzmaßnahme schützt zu 100 %. Der Hauptschutz ist Vermeidung unnötigen Kontakts mit Wildkleinsäugern.

Symptome erkennen – und was sofort zu tun ist

Da BoDV-1 so selten ist, denken die wenigsten Ärzte bei grippeähnlichen Symptomen spontan daran. Wer in einem Risikogebiet lebt und möglicherweise Kontakt mit einer Spitzmaus hatte, sollte den Arzt aktiv darauf hinweisen.

Symptome, die ernst zu nehmen sind:

  • Anhaltende Kopfschmerzen und Fieber ohne erklärbaren Infekt
  • Zunehmende Verwirrtheit, Gedächtnislücken oder Persönlichkeitsveränderungen
  • Krampfanfälle, ungewöhnliche Schläfrigkeit oder Bewusstseinstrübung
  • Neurologische Ausfälle (Sprach-, Koordinations- oder Sehstörungen)

Der Verlauf ist schnell. Eine Auswertung von 21 tödlichen BoDV-1-Fällen aus Deutschland zeigt: Die Betroffenen kamen im Mittel etwa zehn Tage nach den ersten Allgemeinbeschwerden mit neurologischen Ausfällen ins Krankenhaus, wurden nach wenigen Tagen beatmet und starben im Mittel rund einen Monat nach der Aufnahme. Für eine gezielte Diagnose bleibt also wenig Zeit. Eine Enzephalitis ohne bekannte Ursache sollte deshalb bei Menschen aus Endemiegebieten früh auch auf BoDV-1 untersucht werden – dieser Test läuft nicht automatisch mit, der behandelnde Arzt muss ihn gezielt anfordern.

Diagnose: Nachgewiesen wird BoDV-1 über Erbgut des Virus im Liquor (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) und über Antikörper in Blut und Liquor. Beides hat Tücken: Im Liquor ist oft nur wenig Virus vorhanden, und Antikörper bilden sich häufig erst spät im Verlauf. Viele Fälle wurden deshalb erst nach dem Tod erkannt. Die zentrale Anlaufstelle für Ärzte ist das Konsiliarlabor für Bornaviren am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Im Arztgespräch zählt: Wohnort oder Aufenthalte in einem Endemiegebiet aktiv nennen – und jeden Kontakt mit toten Kleinsäugern erwähnen, auch wenn er Wochen zurückliegt. Wie die Symptome im Einzelnen aussehen und wie die Diagnostik abläuft, erklärt Bornavirus-Symptome beim Menschen: Anzeichen, Verlauf und Diagnose.

Schutzmaßnahmen: Worauf es je nach Region ankommt

Die Intensität der Vorsichtsmaßnahmen sollte sich am tatsächlichen regionalen Risiko orientieren. Pauschal für alle gleich zu handeln ist weder nötig noch hilfreich. Welche Schutzausrüstung bei staubigen Arbeiten wirklich sinnvoll ist, erklärt Bornavirus im Garten: Schutzausrüstung für Risikoarbeiten.

Maßnahmen nach Risikoregion

  • Bayern, Brandenburg: Schutzhandschuhe und FFP2-Maske bei Schuppenreinigung, kein trockenes Kehren
  • Alle Regionen: Tote Kleinsäuger nicht mit bloßen Händen anfassen
  • Alle Regionen: Staubige Bereiche mit möglichem Tierkontakt feucht reinigen
  • Alle Regionen: Offenes Tierfutter draußen auf ein Minimum reduzieren
  • Norddeutschland, NRW: Keine besonderen Maßnahmen nötig, allgemeine Hygiene reicht
  • Bei unklarem Regionalrisiko: RKI-Informationen prüfen oder Gesundheitsamt anfragen

Bornavirus-Risikogebiete in Deutschland: RKI-Surveillance und Risikoabschätzung

Seit dem 1. März 2020 ist ein Nachweis von BoDV-1 beim Menschen meldepflichtig; seitdem erfasst das Robert Koch-Institut jeden Fall. Ältere Fälle wurden nachträglich an archivierten Proben erkannt – deshalb reicht die Statistik bis in die 1990er-Jahre zurück.

Wo das Virus vorkommt: Nach Angaben des LGL ist BoDV-1 in Bayern nahezu flächendeckend in Feldspitzmaus-Populationen verbreitet; nur aus dem Nordwesten Bayerns liegen bisher keine Nachweise vor. Außerhalb Bayerns gehören Teile von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen zum Verbreitungsgebiet, außerhalb Deutschlands kleine Teile Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins. Das Virus kommt dort auch bei Pferden, Schafen und Alpakas vor, die daran erkranken, es aber nicht weitergeben.

Die Feldspitzmaus ist tatsächlich der Träger – und nur sie: In der Studie im oberbayerischen Maitenbeth, wo zwei Menschen erkrankt waren, untersuchte das Friedrich-Loeffler-Institut 157 tote Spitzmäuse verschiedener Arten. Das Virus steckte in 6 von 16 Feldspitzmäusen – und in keiner einzigen Spitzmaus einer anderen Art.

Milde Verläufe gibt es offenbar nicht: Im selben Ort ließen 679 Einwohner ihr Blut untersuchen. Bei keinem fanden sich Antikörper gegen BoDV-1, auch alle Nasenabstriche waren negativ. Eine zweite Studie mit fast 500 Blutspendern und Transplantationspatienten aus einem Endemiegebiet kam zum selben Ergebnis. Das heißt: Unbemerkte, harmlose Infektionen sind in Endemiegebieten nicht verbreitet – wer sich ansteckt, erkrankt fast immer schwer, und angesteckt haben sich bisher nur sehr wenige.

Was das Risiko tatsächlich erhöht: In einer Fall-Kontroll-Studie war nur ein Faktor auffällig: das Wohnen naturnah in Einzellage oder am Ortsrand. Rechnerisch lag das Risiko dort rund zehnmal höher – wegen der kleinen Fallzahl allerdings mit großer Unsicherheit. Die Haltung von Katzen war dagegen nicht mit der Erkrankung verbunden. Das RKI empfiehlt, Kontakt mit Spitzmäusen und ihren Ausscheidungen grundsätzlich zu vermeiden, und hat die Schutzregeln in einem gemeinsamen Merkblatt mit Bernhard-Nocht-Institut und Friedrich-Loeffler-Institut zusammengefasst.

Häufige Fragen

In welchen Bundesländern tritt Bornavirus beim Menschen auf?

In vier Bundesländern: Bayern (Schwerpunkt, über 90 % aller Meldungen seit 2020), Brandenburg (4 Fälle), Thüringen (1 Fall im Jahr 2021) und Niedersachsen (1 Fall vor Einführung der Meldepflicht). In allen übrigen Bundesländern – auch in Nordrhein-Westfalen – ist bislang kein einziger menschlicher Fall bekannt.

Warum ist Bayern besonders betroffen?

Weil das Virus dort in den Populationen der Feldspitzmaus (Crocidura leucodon) nahezu flächendeckend vorkommt – laut LGL fehlen Nachweise nur im Nordwesten Bayerns. Die Feldspitzmaus ist das einzige bekannte natürliche Reservoir von BoDV-1; wo sie das Virus nicht trägt, kann es auch nicht auf Menschen übergehen.

Ist das Risiko außerhalb Bayerns gleich null?

Nein, aber es ist sehr gering. Experten wie der Chefarzt am Evangelischen Klinikum Bethel (NRW) beschreiben das Risiko in Regionen ohne nachgewiesene Feldspitzmaus-Population als 'gegen null gehend'.

Wie kann ich feststellen, ob ich in einem Risikogebiet lebe?

Drei Schritte: Erstens das Bundesland – außerhalb von Bayern, Brandenburg und Thüringen ist bisher kein Fall aufgetreten. Zweitens die Wohnlage – als Risikofaktor fiel in einer Fall-Kontroll-Studie nur das naturnahe Wohnen in Einzellage oder am Ortsrand innerhalb bekannter Endemiegebiete auf. Drittens die Kontaktpunkte: Scheune, Schuppen, Holzstapel und Kompost. Aktuelle Zahlen veröffentlichen das RKI und das Bayerische Landesamt für Gesundheit (LGL).

Welche Symptome deuten auf eine Bornavirus-Infektion hin?

Erste Symptome sind unspezifisch: Fieber, Kopfschmerzen, Müdigkeit. Danach entwickelt sich rasch eine Enzephalitis (Gehirnentzündung) mit Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- und Gangstörungen, Verwirrtheit und zunehmender Bewusstseinstrübung. In einer Auswertung von 21 Fällen kamen die Betroffenen im Mittel rund zehn Tage nach den ersten Beschwerden ins Krankenhaus. Wie lange es von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen dauert, ist unbekannt. Bei neurologischen Auffälligkeiten sofort zum Arzt.

Kann man Bornavirus-Risikogebiete selbst online prüfen?

Nur eingeschränkt. Das RKI (rki.de) veröffentlicht die gemeldeten Fälle und ein Merkblatt mit dem mutmaßlichen Endemiegebiet als Skizze, das LGL beschreibt die Verbreitung in Bayern. Eine amtliche Karte bis auf Landkreis-Ebene gibt es nicht. Für Fragen zur eigenen Region ist das örtliche Gesundheitsamt der richtige Ansprechpartner.

Welche Landkreise sind 2026 betroffen?

Bis Anfang Juli 2026 wurden in Bayern fünf Fälle öffentlich: Landkreis Erding (März), Landkreis Unterallgäu im Raum Bad Wörishofen (Ende April), Stadt Augsburg (Mai), Landkreis Regen (Mai) und Landkreis Neuburg-Schrobenhausen (Juni). Laut Gesundheitsministerium verliefen alle fünf tödlich. Eine laufend gepflegte Landkreis-Karte gibt es nicht – für die eigene Einschätzung zählen Wohnlage und Kontaktpunkte mehr als die Kreisgrenze.

Wie unterscheidet sich BoDV-1 von FSME und Borreliose?

FSME und Borreliose werden durch Zecken übertragen und sind deutlich häufiger – FSME mit mehreren Hundert Fällen/Jahr, Borreliose mit Zehntausenden. BoDV-1 geht von der Feldspitzmaus aus, der genaue Übertragungsweg ist ungeklärt; mit 1 bis 7 Fällen pro Meldejahr ist es extrem selten. Gegen FSME gibt es eine Impfung, gegen BoDV-1 nicht.

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Risikoeinordnung. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Beschwerden nach möglichem Kontakt mit Spitzmäusen oder deren Ausscheidungen umgehend ärztlichen Rat einholen.

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