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Borreliose in Deutschland: Häufigkeit, Inzidenz und regionale Verteilung

Wie häufig ist Borreliose in Deutschland und wo besonders? Inzidenz nach Bundesland, Seroprävalenz, Zeckendurchseuchung und warum es keine offizielle Risikokarte gibt.

Borreliose in Deutschland – schematische Visualisierung der regionalen Verteilung von Borrelien-positiven Zecken

Wie häufig ist Borreliose in Deutschland wirklich – und wo ist das Risiko am höchsten? Anders als bei FSME, für die das Robert Koch-Institut jährlich eine offizielle Risikogebietskarte veröffentlicht, gibt es für die Lyme-Borreliose keine bundesweite Karte und keine zentrale Erfassung. Dieser Ratgeber bündelt, was die belastbaren Datenquellen tatsächlich hergeben: Inzidenz pro Bundesland, Seroprävalenz in der Bevölkerung, Borrelien-Durchseuchung der Zecken und die in Deutschland dominierenden Borrelia-Spezies.

Medizinischer Hinweis

Dieser Ratgeber fasst epidemiologische Daten zur Lyme-Borreliose in Deutschland zusammen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Statistische Werte wie regionale Inzidenz oder Zecken-Durchseuchung beschreiben Wahrscheinlichkeiten, nicht das individuelle Erkrankungsrisiko. Bei Wanderröte, Fieber oder neurologischen Beschwerden nach einem Zeckenstich wenden Sie sich bitte unabhängig vom Wohnort umgehend an eine Ärztin oder einen Arzt.

Schnelle Übersicht: Borreliose-Häufigkeit in Deutschland

Wer wenig Zeit hat, findet hier die wichtigsten Eckdaten in komprimierter Form. Alle Werte sind Schätzungen oder Bandbreiten aus mehreren Studien – eine einzelne, präzise Bundesstatistik existiert nicht, und das hat methodische Gründe (mehr dazu in den folgenden Abschnitten).

Borreliose in Deutschland – die wichtigsten Eckdaten

  1. Geschätzte Erkrankungen pro Jahr

    Etwa 80.000 bis 215.000 Fälle laut RKI- und GKV-basierten Hochrechnungen – die Spannweite spiegelt die unsichere Datenlage

  2. Borrelien-positive Zecken regional

    Etwa 5 bis 35 Prozent der untersuchten Zecken tragen Borrelien – mit deutlichen Unterschieden je nach Standort und Zeckenstadium

  3. Seroprävalenz bei Erwachsenen

    Antikörper gegen Borrelien finden sich bei etwa 5 bis 25 Prozent der Erwachsenen, mit Ost-Süd-Gradient

  4. Keine offizielle Risikokarte

    Im Gegensatz zu FSME gibt es keine bundesweite RKI-Karte – nur neun von sechzehn Bundesländern haben überhaupt Meldepflicht

  5. Dominierende Erregerart

    Borrelia afzelii ist in deutschen Zecken am häufigsten, gefolgt von B. garinii und B. burgdorferi sensu stricto

Die zentrale Botschaft: Borreliose ist in ganz Deutschland möglich, aber die Wahrscheinlichkeit eines Zeckenstichs und die Borrelien-Durchseuchung der lokalen Zeckenpopulation schwanken erheblich. Wer wissen will, ob die eigene Region „besonders betroffen” ist, sollte verstehen, warum die Antwort komplizierter ist als bei FSME – und genau darum geht es in den nächsten Abschnitten.

Warum es keine offizielle Borreliose-Risikokarte gibt

Bei FSME veröffentlicht das Robert Koch-Institut jedes Jahr im Frühjahr eine Karte mit ausgewiesenen Risikogebieten auf Landkreisebene. Bei der Lyme-Borreliose gibt es eine solche Karte nicht – und das ist kein Versäumnis, sondern eine Folge der Datenstruktur.

Der Kern des Problems ist die Meldepflicht. Während FSME bundesweit nach Infektionsschutzgesetz meldepflichtig ist und somit jede Diagnose ans RKI fließt, ist Borreliose nur in neun von sechzehn Bundesländern überhaupt meldepflichtig: Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Hessen, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg gibt es keine Meldepflicht. Das ist – im Wortsinn – ein Flickenteppich.

FSME- und Borreliose-Surveillance im direkten Vergleich

Aspekt FSME-Surveillance Borreliose-Surveillance
Meldepflicht-Status Bundesweit nach IfSG Nur in 9 von 16 Bundesländern (länderspezifische Verordnungen)
Erfassende Behörde RKI als zentrale Bundesstelle Jeweiliges Landesgesundheitsamt – kein zentraler Datenpool
Datenverfügbarkeit SurvStat@RKI 2.0, öffentlich, kreisscharf Heterogen, je nach Bundesland unterschiedliche Erfassungslogik
Update-Frequenz Wöchentliche Aktualisierung Meist jährliche Berichte der Landesämter
Räumliche Granularität Landkreisebene (Risikogebiet-Karte) Bestenfalls Bundesland-Inzidenz – meist keine kreisgenauen Karten
Folge für die Praxis Offizielle Risikogebiet-Karte mit STIKO-Impfempfehlung Nur Schätzungen und Sentinel-Daten – keine bundesweite Risiko-Aussage

Hinzu kommt ein zweites Problem: Borreliose ist klinisch heterogen. Eine klassische Wanderröte (Erythema migrans) wird oft hausärztlich ohne Bluttest behandelt und nirgendwo zentral erfasst. Eine Lyme-Arthritis nach Monaten wird unter Umständen rheumatologisch dokumentiert, ohne dass ein Zeckenstich-Bezug klar ausgewiesen wird. Das RKI weist in seinen Berichten ausdrücklich darauf hin, dass die offiziell gemeldeten Zahlen nur die Spitze des Eisbergs abbilden.

Daraus folgt die wichtige methodische Konsequenz: Wer eine „offizielle Borreliose-Karte” sucht und behauptet, sie zu kennen, beruft sich auf Schätzungen oder regionale Sentinel-Studien – nicht auf eine zentral validierte Datenbasis. Genau deshalb arbeitet dieser Ratgeber konsequent mit Bandbreiten, nicht mit Einzelwerten.

Gemeldete Borreliose-Fälle nach Bundesland

In den neun meldepflichtigen Bundesländern lassen sich Inzidenzwerte ableiten – also gemeldete Erkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Die folgende Tabelle fasst die in den jüngeren Landesberichten dokumentierten Größenordnungen für die Jahre 2023 und 2024 zusammen. Es handelt sich um Hausarzt- und Klinik-Meldungen; die Werte sind nicht eins-zu-eins zwischen den Ländern vergleichbar, weil die Erfassungslogik leicht abweicht.

Gemeldete Borreliose-Inzidenz nach Bundesland (Größenordnungen 2023–2024)

Bundesland Inzidenz pro 100.000 Tendenz Hinweis
Mecklenburg-Vorpommern ca. 80–140 Hohes Plateau Höchste Werte bundesweit, hohe Zeckendichte in Küstenwäldern
Brandenburg ca. 50–100 Hohes Plateau Stark ländlich, viele Mischwälder
Sachsen ca. 40–90 Hohes Plateau Erzgebirge und Lausitz besonders relevant
Sachsen-Anhalt ca. 35–80 Stabil Heterogen, höhere Werte im Harz-Vorland
Thüringen ca. 30–70 Stabil Thüringer Wald als regionaler Hotspot
Bayern ca. 25–60 Stabil Süden mit hoher Zeckendichte, große Spannweite zwischen Kreisen
Berlin ca. 15–35 Stabil Vor allem Stadtrand-Parks und Brandenburger Speckgürtel
Rheinland-Pfalz ca. 15–35 Stabil Pfälzerwald als regionaler Schwerpunkt
Saarland ca. 10–30 Stabil Geringe Fallzahlen, kleines Einzugsgebiet

Wichtige Einordnung: Die Werte für Bundesländer ohne Meldepflicht (Hamburg, NRW, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg, Bremen, Schleswig-Holstein) erscheinen in keiner offiziellen Statistik – das heißt jedoch nicht, dass dort keine Borreliose auftritt. Modellrechnungen auf Basis von Krankenkassen-Abrechnungsdaten legen nahe, dass die tatsächliche Erkrankungslast in diesen Ländern in vergleichbarer Größenordnung liegt; einzelne Veröffentlichungen schätzen für Baden-Württemberg eine ähnliche Inzidenz wie für Bayern.

Die hohen Werte im Osten und Nordosten haben mehrere mögliche Ursachen: höhere Zeckendichte, ein höherer Anteil von Borrelia afzelii (siehe Abschnitt zu den Spezies), längere Außenaktivität in den ländlichen Räumen – und auch eine konsequentere Erfassung. Wer Karten oder Hochrechnungen für nicht-meldepflichtige Länder liest, sollte den methodischen Vorbehalt mitlesen. Eine Übersicht zur FSME-Risikogebietskarte (die bundesweit vorliegt) finden Sie im Ratgeber Zecken-Risikogebiete in Deutschland.

Seroprävalenz: Was Antikörper-Studien wirklich zeigen

Eine zweite, methodisch andere Datenquelle sind Seroprävalenz-Studien. Dabei wird in repräsentativen Stichproben gemessen, wie viele Menschen Antikörper gegen Borrelien im Blut haben. Antikörper bedeuten nicht „aktiv krank” – sie zeigen lediglich an, dass das Immunsystem im Laufe des Lebens mit Borrelien Kontakt hatte. Das kann ein durchgemachter, behandelter Fall sein, ein durchgemachter unbemerkter Verlauf oder eine immunologische Reaktion ohne Erkrankung.

Die größte deutsche Datenbasis hierzu liefert die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS-S1) des RKI. Ergänzt wird sie durch regionale Studien aus Universitätskliniken und Landesgesundheitsämtern. Über alle Studien hinweg zeichnet sich folgendes Bild ab: Etwa 5 bis 25 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben nachweisbare Antikörper gegen Borrelien – mit einem deutlichen geografischen Gradienten.

Seroprävalenz Borreliose – was die DEGS-Daten zeigen

  1. 1
    Bundesweiter Durchschnitt

    Etwa 9 bis 12 Prozent der Erwachsenen haben Antikörper gegen Borrelien

  2. 2
    Männer höher als Frauen

    Vermutlich durch häufigere Outdoor-Exposition, Beruf und Freizeitverhalten

  3. 3
    Alter als Hauptfaktor

    Mit jedem Lebensjahrzehnt steigt die Wahrscheinlichkeit, im Leben einmal Kontakt gehabt zu haben

  4. 4
    Ost-Süd-Gradient

    Höhere Werte in Ost- und Süddeutschland, niedrigere in Norddeutschland

  5. 5
    Beruflich Exponierte

    Forstwirte, Jäger und Landschaftspfleger erreichen bis zu 35 Prozent Seropositivität

Quellen: RKI DEGS-S1; regionale Sentinel-Studien Bayern, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern. Antikörper-Nachweis bedeutet nicht aktive Erkrankung.

Was die Werte nicht heißen: Wer seropositiv ist, ist nicht zwingend krank gewesen oder es noch. Antikörper können jahrelang nach einer einmaligen Auseinandersetzung mit dem Erreger nachweisbar bleiben – das ist immunologisch normal. Die Seroprävalenz ist deshalb ein guter Marker für die Expositionsintensität in einer Region, aber kein direktes Maß der Erkrankungslast. Eine ausführliche Beschreibung, ab wann ein Bluttest klinisch sinnvoll ist, finden Sie im Ratgeber Borreliose-Symptome erkennen.

Der Ost-Süd-Gradient ist plausibel mit zwei Faktoren erklärbar: Erstens dominiert in diesen Regionen Borrelia afzelii, die häufig zu (oft selbst-limitierenden) Hautmanifestationen führt und damit hohe Antikörperraten erzeugt. Zweitens sind Zeckendichte und Borrelien-Durchseuchung im Osten und Süden – statistisch gesehen – höher.

Borrelia-Spezies in Deutschland

Was umgangssprachlich „Borreliose” heißt, wird in Europa nicht von einer einzigen Bakterienart ausgelöst, sondern von einer Gruppe verwandter Spezies – dem Borrelia burgdorferi sensu lato-Komplex. In Deutschland sind vier Spezies klinisch relevant, mit unterschiedlichem regionalen Vorkommen und unterschiedlicher klinischer Tendenz.

Borrelia-Spezies in Deutschland – Verteilung und Krankheitsbild

  1. Borrelia afzelii

    Häufigste Spezies in Deutschland; vor allem Hautmanifestationen wie Wanderröte und Acrodermatitis chronica atrophicans

  2. Borrelia garinii

    Zweithäufigste; besonders mit Neuroborreliose assoziiert – Bannwarth-Syndrom, Fazialisparese

  3. Borrelia burgdorferi sensu stricto

    In Mitteleuropa seltener; klinisch öfter mit Lyme-Arthritis verknüpft, mehr im westlichen Europa

  4. Borrelia bavariensis

    In Bayern und Süddeutschland endemisch nachgewiesen; potenziell neurotrop

Quelle: Forschungsgruppen der Universität Hohenheim, Charité Berlin, Konsiliarlabor für Borrelien am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.

Was diese Verteilung praktisch bedeutet: Die klinische Erscheinungsform einer Borreliose hängt nicht zufällig vom Erreger ab. Studien aus der Universität Hohenheim und der Charité Berlin zeigen, dass in Zecken-Sammlungen aus deutschen Wäldern Borrelia afzelii regelmäßig die häufigste Spezies ist – oft 40 bis 60 Prozent der borrelien-positiven Zecken. Dies erklärt, warum die Wanderröte mit Abstand die häufigste Manifestation der Borreliose in Deutschland ist und warum schwere Neuroborreliose-Verläufe – meist B. garinii-assoziiert – im Vergleich seltener auftreten.

Für die Beurteilung des persönlichen Risikos heißt das: Region und dominierende Spezies bestimmen das wahrscheinliche Krankheitsbild stärker als die reine Stichwahrscheinlichkeit. Wer sich vertieft für die einzelnen Manifestationen und Behandlungspfade interessiert, findet diese im Ratgeber Borreliose-Behandlung ausführlich beschrieben.

Borrelien-Durchseuchung von Zecken – was deutsche Studien zeigen

Eine dritte Datenquelle liefern direkte Untersuchungen an gesammelten Zecken. Forschungsgruppen sammeln per Flagging-Methode Zecken in definierten Habitaten und untersuchen sie mit PCR auf Borrelien-DNA. Die Ergebnisse zeigen ein konsistentes Muster mit zwei Achsen: Stadienabhängigkeit und Geografie.

Die wichtigste Beobachtung: Die Borrelien-Durchseuchungsrate steigt mit dem Lebensstadium der Zecke. Larven sind meist borrelien-frei (oft unter 1 Prozent), Nymphen weisen typischerweise 5 bis 15 Prozent Durchseuchung auf, adulte Zecken in vielen Regionen 15 bis 35 Prozent. Das ist biologisch plausibel: Jede zusätzliche Blutmahlzeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, Borrelien aufzunehmen.

Waldboden mit Falllaub und grünen Farnwedeln in einem deutschen Laubmischwald – typisches Habitat für Ixodes ricinus
Lichte Laub- und Mischwälder mit feuchter Streuschicht und Bodenvegetation sind das bevorzugte Habitat von Ixodes ricinus – der wichtigsten Borrelien-Überträgerin in Deutschland.

Regional dokumentierte Größenordnungen aus deutschen Sammelstudien:

  • Bayern (Universität Hohenheim, Sammelstellen im Süden): Adulte Zecken in Mischwäldern oft 20 bis 35 Prozent borrelien-positiv
  • Rhein-Main-Gebiet und Hessen: Adulte Zecken regional bis 25 Prozent positiv – obwohl Hessen keine Meldepflicht hat
  • Berlin und Brandenburg (FU Berlin und Charité): Stadtparks ähnliche Werte wie ländliche Wälder, Nymphen 8 bis 14 Prozent
  • Mecklenburg-Vorpommern: Adulte Zecken in Küstenwäldern bis 30 Prozent positiv
  • Norddeutschland (Schleswig-Holstein, Niedersachsen): Tendenziell niedriger, adulte Zecken oft 10 bis 20 Prozent

Wichtig zur Interpretation: Eine borrelien-positive Zecke ist nicht automatisch ein Infektionsfall. Borrelien wandern nach Beginn der Blutmahlzeit erst nach 12 bis 24 Stunden aus dem Mitteldarm der Zecke in den Wirt – ein schnelles, korrektes Entfernen reduziert das Übertragungsrisiko deutlich. Die Schritt-für-Schritt-Anleitung beschreibt der Ratgeber Borreliose vorbeugen nach Zeckenstich.

Diese Daten relativieren auch eine populäre Vorstellung: Nicht der einzelne Zeckenstich, sondern die kumulierte Exposition über die Saison hinweg bestimmt das persönliche Borreliose-Risiko. Wer im Sommer 20 Stiche hat, jeden binnen sechs Stunden entdeckt und korrekt entfernt, ist statistisch sicherer als jemand mit einem unentdeckten 48-Stunden-Befall.

Stadt vs. Land: Wo ist das Risiko tatsächlich höher?

Eine weit verbreitete Annahme lautet: „Im Wald sind Zecken, im Stadtpark nicht.” Die Datenlage widerspricht dem.

Städtischer Park mit Wegrändern und hoher Vegetation – typischer Lebensraum für Zecken in deutschen Großstädten
Stadtparks wie der Tiergarten in Berlin oder der Englische Garten in München beherbergen Zeckenpopulationen mit ähnlicher Borrelien-Durchseuchung wie ländliche Wälder.

Untersuchungen der Freien Universität Berlin in mehreren Stadtparks (darunter Tiergarten, Volkspark Friedrichshain, Grunewald) haben gezeigt, dass Borrelien-Durchseuchungsraten der Nymphen in urbaner Vegetation in derselben Größenordnung liegen wie in ländlichen Mischwäldern desselben Bundeslandes. Vergleichbare Befunde liegen aus München (Englischer Garten), Hamburg (Stadtpark und Volkspark Niendorf) und Köln (Stadtwald, Königsforst) vor.

Was urbane Habitate besonders macht:

  • Hohe Wirtsdichte: Igel, Mäuse, Vögel und unangeleinte Hunde sorgen für konstante Blutmahlzeiten der Zecken
  • Schattige, feuchte Mikrohabitate: Streuobstwiesen, Hecken, Gewässerränder bieten ideale Bedingungen
  • Intensiver Mensch-Zecke-Kontakt: Picknickdecken, Liegewiesen und Joggingstrecken bringen Menschen direkt in die Vegetation
  • Hohe Nutzungsfrequenz: Ein einzelner Stadtpark wird täglich von tausenden Menschen besucht – die absolute Stichzahl ist hoch

Das heißt nicht, dass ländliche Wälder ungefährlicher wären. Es heißt aber: Wer in einer deutschen Großstadt lebt und regelmäßig in Parks unterwegs ist, hat keine relevant niedrigere Exposition als jemand auf dem Land. Die intuitive Vorstellung einer „Borreliose-freien Stadt” ist nach den vorliegenden Daten nicht haltbar.

Für die Praxis bedeutet das, dass Stichprävention nicht vom Wohnort abhängt, sondern von der Aktivität: Spaziergänge abseits befestigter Wege, Sitzen in hohem Gras, Gartenarbeit – all das schafft Expositionsmomente, ganz gleich, ob im Spreewald oder am Tempelhofer Feld.

Trend der letzten Jahre – nimmt Borreliose zu?

Eine der häufigsten Suchfragen lautet: „Steigt die Borreliose-Häufigkeit in Deutschland?” Die ehrliche Antwort: Die Datenlage ist nicht eindeutig.

Was die Surveillance zeigt: In den meldepflichtigen Bundesländern bewegen sich die Inzidenzen über die letzten zehn Jahre auf einem hohen, aber relativ stabilen Plateau, mit jährlichen Schwankungen. Spitzenjahre wie 2018 und 2020 fielen mit besonders warmen, feuchten Frühjahren zusammen – Bedingungen, unter denen Zecken besonders aktiv sind.

Was die ECDC-Daten für Europa zeigen: Das European Centre for Disease Prevention and Control beobachtet eine Northward-Ausbreitung der Zecken – vor allem in Skandinavien und Schottland, wo Ixodes ricinus in zuvor zeckenarme Höhenlagen und Breitengrade vordringt. Für Deutschland selbst beschreibt das ECDC eher eine geografische Stabilität bei gleichzeitiger leichter Saison-Verlängerung in milden Wintern.

Was sich verändert hat:

  • Saisonale Ausdehnung: Zecken sind ab etwa 8 °C aktiv – milde Winter führen zu Aktivität im Februar oder bis in den November hinein
  • Höhenlagen: Im Alpenvorland und im Schwarzwald werden Zecken zunehmend in Höhen über 1.000 Meter dokumentiert
  • Hyalomma-Funde: Vereinzelte Funde der eingeschleppten Hyalomma-Zecke (anderer Borreliose-Erreger, andere Krankheiten) – noch keine etablierten Populationen

Was sich nicht eindeutig verändert hat: Eine bundesweite, klar interpretierbare Zunahme der Borreliose-Fallzahlen ist aus den vorhandenen Daten nicht ableitbar. Das hängt auch damit zusammen, dass die diagnostische Aufmerksamkeit gestiegen ist – mehr Hausärzte testen früher, mehr Fälle werden dokumentiert. Ein scheinbarer Anstieg kann also reine Erfassungsbias sein.

Wer langfristig zuverlässige Zahlen für die eigene Region sucht, findet die belastbarsten Daten beim jeweiligen Landesgesundheitsamt sowie in den jährlichen RKI-Berichten zu Zoonosen und vektorübertragenen Erkrankungen.

Was bedeutet das konkret für mich?

Aus all den Daten lässt sich eine pragmatische Handlungsleitlinie ableiten – ohne die Unsicherheit auszublenden, aber auch ohne sich von ihr lähmen zu lassen. Das persönliche Risiko ergibt sich vereinfacht aus zwei Faktoren: Expositionszeit × lokale Borrelien-Durchseuchung. Beide kann man beeinflussen.

Praktische Konsequenzen aus den epidemiologischen Daten

  • Wohnen Sie im Norden ohne Meldepflicht: Das bedeutet nicht „kein Risiko“ – die Wahrscheinlichkeit liegt vermutlich in vergleichbarer Größenordnung wie im Süden
  • Wohnen Sie im Osten oder in Bayern: Statistisch höhere Inzidenz – Stichprävention konsequent umsetzen, jeden Stich dokumentieren
  • Sind Sie häufig im Stadtpark: Genauso aufmerksam absuchen wie nach einem Waldspaziergang – urbane Vegetation ist nicht borrelien-frei
  • Beruflich exponiert (Forst, Jagd, Landschaftspflege): Konsequenter Schutz, Foto-Dokumentation jedes Stichs, regelmäßige arbeitsmedizinische Beratung
  • Familie mit Kindern: Standard-Suchreihenfolge nach jedem Outdoor-Tag (Kopfhaut, Achseln, Kniekehlen, Leisten) – Kinder werden statistisch häufiger gestochen
  • Hund oder Katze im Haushalt: Tierschutz reduziert die in die Wohnung eingeschleppte Zeckenlast und damit das Familienrisiko
  • Nach jedem Stich: Datum, Körperstelle und – wenn möglich – Foto notieren; Beobachtung über 4 bis 6 Wochen

Die wichtigste Botschaft: Das Fehlen einer offiziellen Borreliose-Karte bedeutet nicht, dass das Risiko zufällig oder unkalkulierbar ist. Es bedeutet, dass das Risiko überall in Deutschland real ist und individuell durch Verhalten – nicht durch Wohnort – maßgeblich beeinflussbar wird. Wer die grundlegenden Schutzmaßnahmen aus dem Ratgeber Zecken vorbeugen konsequent umsetzt, reduziert das persönliche Risiko deutlich stärker als jeder geografische Faktor.

Datenquellen und ihre Grenzen

Wer diesen Ratgeber bis hierhin gelesen hat, hat eine berechtigte Frage: Wie verlässlich sind die zitierten Zahlen eigentlich? Diese letzte Sektion macht die methodischen Grenzen transparent – ein Ratgeber zur Borreliose-Epidemiologie ohne Quellenkritik wäre unvollständig.

Quelle 1 – Meldedaten der neun meldepflichtigen Bundesländer: Diese Daten sind die belastbarste verfügbare Grundlage für Inzidenzwerte. Ihre Grenzen: Sie decken nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung ab; die Falldefinitionen unterscheiden sich teilweise zwischen den Ländern; ein erheblicher Teil der ambulant behandelten Wanderröte-Fälle wird nicht gemeldet.

Quelle 2 – Seroprävalenz-Studien (DEGS, regionale Erhebungen): Diese Studien sind methodisch sauber, aber sie messen lebenslange Exposition, nicht aktuelle Erkrankungsfälle. Antikörper bedeuten nicht „aktuell krank”, und seronegative Personen können trotzdem akut infiziert sein, wenn die Antikörperbildung noch nicht eingesetzt hat.

Quelle 3 – Zecken-Sammelstudien (Hohenheim, FU Berlin, LGL Bayern): Diese Studien liefern direkte Aussagen über die Borrelien-Durchseuchung in definierten Habitaten. Ihre Grenze: Die Sammelstellen sind klein und nicht räumlich repräsentativ; Werte aus einem Park lassen sich nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen.

Quelle 4 – Hochrechnungen auf Basis von GKV-Abrechnungsdaten: Diese Modellrechnungen versuchen, die Erkrankungslast über Diagnose-Codes (ICD-10 A69.2) abzuschätzen. Sie produzieren die höchsten Schätzwerte (bis 215.000 Fälle/Jahr) – schließen aber auch Verdachts- und Fehl-Codierungen ein.

Quelle 5 – Europäische ECDC-Daten: Sie sind nützlich für Trends und Vergleiche, aber sie aggregieren extrem heterogene nationale Meldesysteme.

Datenquellen im Vergleich – Stärken und blinde Flecken

  1. 1
    Landesmeldungen

    Belastbar in 9 Bundesländern, aber halbiert die deutsche Bevölkerung und unterschätzt ambulante Fälle

  2. 2
    Seroprävalenz

    Repräsentativ, misst aber Lebenszeit-Exposition statt aktueller Erkrankung

  3. 3
    Zecken-Sammelstudien

    Direkt am Erreger, aber kleinräumig und nicht flächig repräsentativ

  4. 4
    GKV-Abrechnungsdaten

    Höchste Reichweite, aber Diagnose-Codes enthalten Verdachts- und Fehlfälle

  5. 5
    ECDC-Daten

    Gut für Trends und EU-Vergleich, aber methodisch heterogen aggregiert

Warum diese Transparenz wichtig ist: Eine populäre Versuchung in der Gesundheitskommunikation ist es, Unsicherheit zu glätten – etwa indem man „120.000 Fälle pro Jahr” als feste Zahl ausgibt. Tatsächlich liegt der seriöse Korridor zwischen 80.000 und 215.000, je nach Methode. Wer als Leser eine harte Einzelzahl sucht, wird enttäuscht. Wer eine realistische Größenordnung mit nachvollziehbarer Methodik sucht, findet sie hier. Genau diese wissenschaftliche Ehrlichkeit unterscheidet eine belastbare Risikoabschätzung von einer falschen Sicherheit.

Häufige Fragen

Warum gibt es keine offizielle Borreliose-Karte für Deutschland?

Anders als FSME ist Borreliose nicht bundesweit meldepflichtig. Nur in neun von sechzehn Bundesländern (Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) werden Fälle systematisch erfasst. Dieser Flickenteppich macht eine zentrale RKI-Karte methodisch unmöglich – nicht aus Versäumnis, sondern aufgrund der gesetzlichen Datenstruktur.

In welchem Bundesland tritt Borreliose am häufigsten auf?

Nach den verfügbaren Meldedaten weist Mecklenburg-Vorpommern die höchste Inzidenz unter den meldepflichtigen Bundesländern auf – etwa 80 bis 140 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr. Hohe Werte zeigen auch Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Für Bundesländer ohne Meldepflicht (etwa NRW, Hessen oder Baden-Württemberg) existieren keine offiziellen Vergleichswerte; Modellrechnungen lassen aber vergleichbare Größenordnungen vermuten.

Sind Stadtparks sicherer als ländliche Wälder?

Nach Untersuchungen aus Berlin, München, Hamburg und Köln liegen Borrelien-Durchseuchungsraten in städtischen Parks in derselben Größenordnung wie in ländlichen Wäldern desselben Bundeslandes. Stadtparks haben oft sogar mehr Wirtstiere (Igel, Mäuse, Hunde) und damit konstant hohe Zeckenpopulationen. Die intuitive Annahme einer „borreliose-freien Stadt“ ist nach Datenlage nicht haltbar.

Warum zeigt Ostdeutschland höhere Borreliose-Werte als der Norden?

Mehrere Faktoren wirken zusammen: höhere Zeckendichte in den großen Mischwaldgebieten, ein hoher Anteil von Borrelia afzelii (die häufig zu sichtbarer Wanderröte führt und damit zu mehr Diagnosen), längere Outdoor-Aktivität in ländlich geprägten Regionen sowie eine konsequentere Erfassung in den meldepflichtigen Bundesländern. Es handelt sich also um eine Mischung aus realem Risiko und besserer Datenlage.

Wie viele Zecken in Deutschland sind borrelien-positiv?

Die Durchseuchung hängt vom Lebensstadium der Zecke und von der Region ab. Larven sind meist unter 1 Prozent positiv, Nymphen typischerweise 5 bis 15 Prozent, adulte Zecken in vielen deutschen Regionen 15 bis 35 Prozent. Sammelstudien aus Bayern, Hessen und Berlin zeigen in stadtnahen Wäldern Werte um 20 bis 25 Prozent. Borrelien-positive Zecke heißt jedoch nicht automatisch Übertragung – die Bakterien wandern erst nach 12 bis 24 Stunden Saugzeit aus dem Zeckendarm in den Menschen.

Steigt das Borreliose-Risiko in Deutschland durch den Klimawandel?

Die ECDC-Daten zeigen eine Northward-Ausbreitung der Zecken in Skandinavien und Schottland sowie eine saisonale Verlängerung der Zeckenaktivität in Mitteleuropa. Für Deutschland selbst lässt sich aus den Meldedaten keine eindeutige Zunahme der Fallzahlen ableiten – die Inzidenz bewegt sich auf einem hohen, aber relativ stabilen Plateau. Zecken werden in milden Wintern und in höheren Lagen häufiger nachgewiesen.

Schützt die FSME-Impfung auch gegen Borreliose?

Nein. FSME wird durch ein Virus ausgelöst, Borreliose durch Bakterien (Borrelia-Spezies). Die FSME-Impfung schützt ausschließlich vor Frühsommer-Meningoenzephalitis und hat keinen Effekt auf eine Borrelien-Infektion. Eine zugelassene Borreliose-Impfung gibt es in Deutschland derzeit nicht; der Impfstoffkandidat VLA15 von Pfizer und Valneva befindet sich in der klinischen Phase 3.

Bedeutet ein positiver Borrelien-Antikörper-Test, dass ich krank bin?

Nein. Antikörper gegen Borrelien zeigen lediglich an, dass das Immunsystem im Laufe des Lebens Kontakt mit dem Erreger hatte. Sie können nach einer durchgemachten und behandelten Erkrankung jahrelang nachweisbar bleiben oder von einem unbemerkten Verlauf stammen. Die Diagnose einer aktiven Borreliose stellt eine Ärztin oder ein Arzt immer im Zusammenhang von Klinik (etwa Wanderröte) und Labor – nie aus einem isolierten Antikörperbefund.

Die in diesem Ratgeber dargestellten epidemiologischen Werte sind Bandbreiten aus mehreren Datenquellen und ersetzen keine individuelle ärztliche Beratung. Eine regional erhöhte oder niedrige Inzidenz beschreibt statistische Wahrscheinlichkeiten, nicht das persönliche Erkrankungsrisiko. Bei Wanderröte, Fieber, Gelenkschwellung, Fazialisparese oder anderen Beschwerden nach einem Zeckenstich sollte unabhängig vom Wohnort umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden – Borreliose ist im Frühstadium sehr gut mit Antibiotika behandelbar.

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