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Borreliose & Lyme-Krankheit → 25 Min. Lesezeit

Borreliose in Deutschland: Häufigkeit & Inzidenz

Wie häufig ist Borreliose in Deutschland und wo besonders? Inzidenz nach Bundesland, Seroprävalenz, Zeckendurchseuchung und warum es keine offizielle Risikokarte gibt.

Von Vyacheslav Levchenko
Borreliose in Deutschland – schematische Visualisierung der regionalen Verteilung von Borrelien-positiven Zecken

Wie häufig ist Borreliose in Deutschland wirklich – und wo ist das Risiko am höchsten? Anders als bei FSME, für die das Robert Koch-Institut jährlich eine offizielle Risikogebietskarte veröffentlicht, gibt es für die Lyme-Borreliose keine bundesweite Karte und keine zentrale Erfassung.

Inhalt · 11 Abschnitte

Medizinischer Hinweis

Dieser Ratgeber fasst epidemiologische Daten zur Lyme-Borreliose in Deutschland zusammen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Statistische Werte wie regionale Inzidenz oder Zecken-Durchseuchung beschreiben Wahrscheinlichkeiten, nicht das individuelle Erkrankungsrisiko. Bei Wanderröte, Fieber oder neurologischen Beschwerden nach einem Zeckenstich wenden Sie sich bitte unabhängig vom Wohnort umgehend an eine Ärztin oder einen Arzt.

Schnelle Übersicht: Borreliose-Häufigkeit in Deutschland

Wer wenig Zeit hat, findet hier die wichtigsten Eckdaten in komprimierter Form. Alle Werte sind Schätzungen oder Bandbreiten aus mehreren Studien – eine einzelne, präzise Bundesstatistik existiert nicht, und das hat methodische Gründe (mehr dazu in den folgenden Abschnitten).

Borreliose in Deutschland – die wichtigsten Eckdaten

  1. ✓
    Geschätzte Erkrankungen pro Jahr

    Nach Krankenkassendaten werden jährlich für rund 214.000 Patienten Borreliose-Abrechnungen erstellt (vom RKI zitierte Studie) – eine Obergrenze, keine Zahl gesicherter Erkrankungen

  2. ✓
    Borrelien-positive Zecken

    Im europäischen Mittel rund 10 Prozent der Nymphen und 19 Prozent der erwachsenen Zecken – laut RKI kleinräumig sehr unterschiedlich

  3. ✓
    Seroprävalenz bei Erwachsenen

    Rund 9 Prozent der Erwachsenen haben Antikörper gegen Borrelien; bei den 70- bis 79-Jährigen bis etwa 20 Prozent

  4. ✓
    Keine offizielle Risikokarte

    Im Gegensatz zu FSME gibt es keine bundesweite RKI-Karte – nur neun von sechzehn Bundesländern haben überhaupt Meldepflicht

  5. ✓
    Häufigste Erregerarten

    Borrelia afzelii und B. garinii sind in europäischen Zecken die häufigsten Arten; ihre Anteile schwanken regional

Die zentrale Botschaft: Borreliose ist in ganz Deutschland möglich, aber die Wahrscheinlichkeit eines Zeckenstichs und die Borrelien-Durchseuchung der lokalen Zeckenpopulation schwanken erheblich. Wer wissen will, ob die eigene Region „besonders betroffen” ist, sollte verstehen, warum die Antwort komplizierter ist als bei FSME – und genau darum geht es in den nächsten Abschnitten.

Warum es keine offizielle Borreliose-Risikokarte gibt

Bei FSME veröffentlicht das Robert Koch-Institut jedes Jahr im Frühjahr eine Karte mit ausgewiesenen Risikogebieten auf Landkreisebene. Bei der Lyme-Borreliose gibt es eine solche Karte nicht – und das ist kein Versäumnis, sondern eine Folge der Datenstruktur.

Der Kern des Problems ist die Meldepflicht. Während FSME bundesweit nach Infektionsschutzgesetz meldepflichtig ist und somit jede Diagnose ans RKI fließt, ist Borreliose nur in neun von sechzehn Bundesländern überhaupt meldepflichtig: Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Hessen, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg gibt es keine Meldepflicht. Das ist – im Wortsinn – ein Flickenteppich.

FSME- und Borreliose-Surveillance im direkten Vergleich

Aspekt FSME-Surveillance Borreliose-Surveillance
Meldepflicht-Status Bundesweit nach IfSG Nur in 9 von 16 Bundesländern (länderspezifische Verordnungen)
Erfassende Behörde Gesundheitsämter, Übermittlung an das RKI Gesundheitsämter der 9 Länder; Übermittlung an das RKI nach einheitlicher Falldefinition
Datenverfügbarkeit SurvStat@RKI 2.0, öffentlich, kreisscharf Nur für die 9 Länder mit Meldepflicht, zusammen rund zwei Fünftel der Bevölkerung
Erfasste Formen Alle Erkrankungen Wanderröte, akute Neuroborreliose und Lyme-Arthritis
Räumliche Granularität Landkreisebene (Risikogebiet-Karte) Kreisebene nur in wissenschaftlichen Auswertungen der 9 Länder
Folge für die Praxis Offizielle Risikogebiet-Karte mit STIKO-Impfempfehlung Nur Schätzungen und Sentinel-Daten – keine bundesweite Risiko-Aussage

Hinzu kommt ein zweites Problem: Borreliose ist klinisch heterogen. Eine klassische Wanderröte (Erythema migrans) wird oft hausärztlich ohne Bluttest behandelt und nirgendwo zentral erfasst. Eine Lyme-Arthritis nach Monaten wird unter Umständen rheumatologisch dokumentiert, ohne dass ein Zeckenstich-Bezug klar ausgewiesen wird. Das RKI betont deshalb, dass die genaue Zahl der Neuerkrankungen pro Jahr unbekannt ist – unstrittig sei nur, dass es sich um eine weit verbreitete, ernst zu nehmende Krankheit handelt.

Daraus folgt die wichtige methodische Konsequenz: Wer eine „offizielle Borreliose-Karte” sucht und behauptet, sie zu kennen, beruft sich auf Schätzungen oder regionale Sentinel-Studien – nicht auf eine zentral validierte Datenbasis. Genau deshalb arbeitet dieser Ratgeber konsequent mit Bandbreiten, nicht mit Einzelwerten.

Gemeldete Borreliose-Fälle nach Bundesland

In den neun meldepflichtigen Bundesländern lassen sich Inzidenzwerte ableiten – also gemeldete Erkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Laut RKI lag die Meldeinzidenz dort zwischen 26 (2015) und 41 (2013) Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die bislang gründlichste Auswertung dieser Meldedaten (Enkelmann et al., RKI, 2018) umfasst 56.446 Fälle aus den Jahren 2013 bis 2017 und zeigt: Die großen Unterschiede verlaufen nicht zwischen den Bundesländern, sondern zwischen den Landkreisen – die mittlere Jahresinzidenz reichte von 0,5 pro 100.000 (Kaufbeuren) bis 138 pro 100.000 (Schwerin).

Regionen mit den höchsten gemeldeten Borreliose-Inzidenzen (Meldedaten 2013–2017)

Region Bundesland Befund der RKI-Auswertung
Westmecklenburg mit Schwerin Mecklenburg-Vorpommern Höchste mittlere Kreisinzidenz: Schwerin mit 138 pro 100.000 und Jahr; Höchststand 2016/2017
Nord-Brandenburg Brandenburg Vor allem Prignitz, Brandenburg an der Havel, Barnim und Potsdam-Mittelmark
Erzgebirge Sachsen Höchststand 2016; schon in der ostdeutschen Surveillance 2009–2012 auffällig
Hunsrück/Eifel Rheinland-Pfalz Vor allem Vulkaneifel und Birkenfeld; Höchststand 2013
Fränkische Alb/Steigerwald Bayern Vor allem die Landkreise Ansbach und Donau-Ries
Bayerischer Wald Bayern Höchster Jahreswert eines Kreises: Regen mit 202 pro 100.000 im Jahr 2013

Wichtige Einordnung: Die Werte für Bundesländer ohne Meldepflicht (Hamburg, NRW, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg, Bremen, Schleswig-Holstein) erscheinen in keiner offiziellen Statistik – das heißt jedoch nicht, dass dort keine Borreliose auftritt. Für diese Länder gibt es schlicht keine vergleichbaren Meldezahlen.

Laut RKI entstehen die regionalen Unterschiede aus drei Faktoren: wie viele Ixodes-ricinus-Zecken vor Ort vorkommen, welcher Anteil davon Borrelien trägt und wie oft Menschen mit Zecken in Kontakt kommen. Ein Teil der Unterschiede ist zudem ein Erfassungseffekt: Die höchsten Fallzahlen meldeten 2013 vor allem Länder, die die Meldepflicht gerade neu eingeführt hatten. Eine Übersicht zur FSME-Risikogebietskarte (die bundesweit vorliegt) finden Sie im Ratgeber Zecken-Risikogebiete in Deutschland.

Seroprävalenz: Was Antikörper-Studien wirklich zeigen

Eine zweite, methodisch andere Datenquelle sind Seroprävalenz-Studien. Dabei wird in repräsentativen Stichproben gemessen, wie viele Menschen Antikörper gegen Borrelien im Blut haben. Antikörper bedeuten nicht „aktiv krank” – sie zeigen lediglich an, dass das Immunsystem im Laufe des Lebens mit Borrelien Kontakt hatte. Das kann ein durchgemachter, behandelter Fall sein, ein durchgemachter unbemerkter Verlauf oder eine immunologische Reaktion ohne Erkrankung.

Die größte deutsche Datenbasis hierzu liefert die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1, 2008–2011) des RKI. Danach haben 9,3 Prozent der Erwachsenen nachweisbare Antikörper gegen Borrelien; in der Vorgängerstudie von 1997–1999 waren es 8,5 Prozent. Altersbereinigt hat sich der Wert zwischen beiden Erhebungen nicht verändert.

Seroprävalenz Borreliose – was die DEGS-Daten zeigen

  1. 1
    Bundesweiter Durchschnitt

    9,3 Prozent der Erwachsenen haben Antikörper gegen Borrelien (Erhebung 2008–2011)

  2. 2
    Männer höher als Frauen

    Bei den 70- bis 79-Jährigen sind 24,5 Prozent der Männer und 16,4 Prozent der Frauen seropositiv

  3. 3
    Alter als Hauptfaktor

    Schon 7 Prozent der 14- bis 17-Jährigen sind seropositiv; besonders starke Zunahmen zeigen Kinder und Senioren

  4. 4
    Neue Kontakte pro Jahr

    Jährlich bilden etwa 0,45 Prozent der Erwachsenen neu Antikörper; bei rund 1,5 Prozent verschwinden sie wieder

  5. 5
    Nach einem Zeckenstich

    Antikörper bilden 2,6 bis 5,6 Prozent der Gestochenen, klinisch krank werden 0,3 bis 1,4 Prozent

Quellen: RKI-Ratgeber Lyme-Borreliose; Woudenberg et al. 2020 (BGS98 und DEGS1). Antikörper-Nachweis bedeutet nicht aktive Erkrankung.

Was die Werte nicht heißen: Wer seropositiv ist, ist nicht zwingend krank gewesen oder es noch. Antikörper können jahrelang nach einer einmaligen Auseinandersetzung mit dem Erreger nachweisbar bleiben – das ist immunologisch normal. Die Seroprävalenz ist deshalb ein guter Marker für die Expositionsintensität in einer Region, aber kein direktes Maß der Erkrankungslast. Eine ausführliche Beschreibung, ab wann ein Bluttest klinisch sinnvoll ist, finden Sie im Ratgeber Borreliose-Symptome erkennen.

Die Zahlen zeigen auch, wie selten ein einzelner Stich zur Erkrankung führt: Nach Untersuchungen aus Deutschland und der Schweiz bilden nach einem Zeckenstich 2,6 bis 5,6 Prozent der Betroffenen Antikörper, und bei 0,3 bis 1,4 Prozent ist mit einer klinisch manifesten Erkrankung zu rechnen (RKI).

Borrelia-Spezies in Deutschland

Was umgangssprachlich „Borreliose” heißt, wird in Europa nicht von einer einzigen Bakterienart ausgelöst, sondern von einer Gruppe verwandter Spezies – dem Borrelia burgdorferi sensu lato-Komplex. Laut RKI sind sechs der mehr als 20 beschriebenen Arten gesichert humanpathogen; fünf davon kommen in Europa vor: B. afzelii, B. garinii, B. bavariensis, B. burgdorferi sensu stricto und B. spielmanii. Alle können eine Wanderröte auslösen, neigen aber zu unterschiedlichen weiteren Krankheitsbildern.

Borrelia-Spezies in Deutschland – Verteilung und Krankheitsbild

  1. ✓
    Borrelia afzelii

    Neben B. garinii die häufigste Art in europäischen Zecken; laut RKI mit der Acrodermatitis chronica atrophicans assoziiert

  2. ✓
    Borrelia garinii

    Laut RKI mit neurologischen Manifestationen assoziiert – etwa Bannwarth-Syndrom oder Fazialisparese

  3. ✓
    Borrelia burgdorferi sensu stricto

    Laut RKI mit der Lyme-Arthritis assoziiert; die einzige der europäischen Arten, die auch in den USA vorkommt

  4. ✓
    Borrelia bavariensis

    Wie B. garinii laut RKI mit neurologischen Manifestationen assoziiert

Quellen: RKI-Ratgeber Lyme-Borreliose; Rauter und Hartung 2005 (Metaanalyse europäischer Zeckenstudien).

Was diese Verteilung praktisch bedeutet: Die klinische Erscheinungsform einer Borreliose hängt nicht zufällig vom Erreger ab. Die Wanderröte ist mit Abstand die häufigste Form: Unter den 2013 bis 2017 gemeldeten Fällen hatten 95 Prozent nur eine Wanderröte, 2,7 Prozent eine Neuroborreliose und 2,1 Prozent eine Lyme-Arthritis. Ins Krankenhaus kamen 2,1 Prozent der Patienten mit reiner Wanderröte, aber 71 Prozent der Patienten mit Neuroborreliose.

Für die Praxis heißt das: Welche Borrelienart eine Zecke trägt, lässt sich weder sehen noch sinnvoll testen – entscheidend ist, eine Wanderröte oder spätere Beschwerden ernst zu nehmen. Wer sich vertieft für die einzelnen Manifestationen und Behandlungspfade interessiert, findet diese im Ratgeber Borreliose-Behandlung ausführlich beschrieben.

Borrelien-Durchseuchung von Zecken – was deutsche Studien zeigen

Eine dritte Datenquelle liefern direkte Untersuchungen an gesammelten Zecken. Forschungsgruppen sammeln per Flagging-Methode Zecken in definierten Habitaten und untersuchen sie mit PCR auf Borrelien-DNA. Die umfassendste Auswertung ist eine Metaanalyse von 110 europäischen Studien mit über 112.000 Zecken (Rauter und Hartung 2005).

Die wichtigste Beobachtung: Die Borrelien-Durchseuchungsrate steigt mit dem Lebensstadium der Zecke. Im europäischen Mittel waren 10,1 Prozent der Nymphen und 18,6 Prozent der erwachsenen Zecken infiziert. Larven sind nur selten infiziert, weil Borrelien kaum über das Ei weitergegeben werden. Das ist biologisch plausibel: Jede zusätzliche Blutmahlzeit erhöht die Wahrscheinlichkeit, Borrelien aufzunehmen.

Waldboden mit Falllaub und grünen Farnwedeln in einem deutschen Laubmischwald – typisches Habitat für Ixodes ricinus
Lichte Laub- und Mischwälder mit feuchter Streuschicht und Bodenvegetation sind das bevorzugte Habitat von Ixodes ricinus – der wichtigsten Borrelien-Überträgerin in Deutschland.

Laut RKI schwankt der Anteil borrelien-positiver Zecken kleinräumig sehr stark – schon benachbarte Waldstücke können sich deutlich unterscheiden. Die europäische Metaanalyse fand die höchsten Infektionsraten in Mitteleuropa, zu dem Deutschland gehört. Eine Zecke nach dem Stich auf Borrelien untersuchen zu lassen, hält das RKI für nicht sinnvoll: Ein negatives Ergebnis kann falsch-negativ sein, und oft sticht mehr als eine Zecke unbemerkt.

Wichtig zur Interpretation: Eine borrelien-positive Zecke ist nicht automatisch ein Infektionsfall. Die Borrelien sitzen in der nüchternen Zecke im Darm und wandern erst nach Beginn des Saugens in die Speicheldrüsen. Laut RKI muss die Zecke deshalb mindestens mehrere Stunden gesaugt haben; in den ersten Stunden ist das Infektionsrisiko gering – schnelles Entfernen senkt es deutlich. Die Schritt-für-Schritt-Anleitung beschreibt der Ratgeber Borreliose vorbeugen nach Zeckenstich.

Diese Daten relativieren auch eine populäre Vorstellung: Nicht der einzelne Zeckenstich, sondern die kumulierte Exposition über die Saison hinweg bestimmt das persönliche Borreliose-Risiko – und vor allem die Frage, ob eine Zecke früh entdeckt wird. Wer nach jedem Aufenthalt im Grünen den Körper absucht, senkt das Risiko stärker, als es die Wahl der Region vermag.

Stadt vs. Land: Wo ist das Risiko tatsächlich höher?

Eine weit verbreitete Annahme lautet: „Im Wald sind Zecken, im Stadtpark nicht.” Die Datenlage widerspricht dem.

Städtischer Park mit Wegrändern und hoher Vegetation – typischer Lebensraum für Zecken in deutschen Großstädten
Auch in städtischen Parks mit Wiesen, Hecken und Gehölzrändern leben Zecken, die Borrelien tragen können.

Eine europäische Übersichtsarbeit (Rizzoli et al. 2014) beschreibt reichliche Zeckenpopulationen in städtischen Grünflächen. Als Wirte dienen dort Kleinsäuger, Vögel, Hunde und Katzen sowie – am Stadtrand – Rehe und Wildschweine; entsprechend werden auch in Stadtparks Zecken mit Borrelien und anderen Erregern gefunden.

Was urbane Habitate besonders macht:

  • Hohe Wirtsdichte: Igel, Mäuse, Vögel und unangeleinte Hunde sorgen für konstante Blutmahlzeiten der Zecken
  • Schattige, feuchte Mikrohabitate: Streuobstwiesen, Hecken, Gewässerränder bieten ideale Bedingungen
  • Intensiver Mensch-Zecke-Kontakt: Picknickdecken, Liegewiesen und Joggingstrecken bringen Menschen direkt in die Vegetation
  • Hohe Nutzungsfrequenz: Ein einzelner Stadtpark wird täglich von tausenden Menschen besucht – die absolute Stichzahl ist hoch

Das heißt nicht, dass ländliche Wälder ungefährlicher wären. Es heißt aber: Wer in einer deutschen Großstadt lebt und regelmäßig in Parks unterwegs ist, ist nicht automatisch geschützt. Die intuitive Vorstellung einer „Borreliose-freien Stadt” ist nach den vorliegenden Daten nicht haltbar.

Für die Praxis bedeutet das, dass Stichprävention nicht vom Wohnort abhängt, sondern von der Aktivität: Spaziergänge abseits befestigter Wege, Sitzen in hohem Gras, Gartenarbeit – all das schafft Expositionsmomente, ganz gleich, ob im Spreewald oder am Tempelhofer Feld.

Trend der letzten Jahre – nimmt Borreliose zu?

Eine der häufigsten Suchfragen lautet: „Steigt die Borreliose-Häufigkeit in Deutschland?” Die ehrliche Antwort: Die Datenlage ist nicht eindeutig.

Was die Surveillance zeigt: In den meldepflichtigen Bundesländern schwankte die Meldeinzidenz laut RKI zwischen 26 und 41 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr, ohne klaren Aufwärtstrend. Auch die Antikörper-Studien zeigen altersbereinigt keinen Anstieg zwischen 1997–1999 und 2008–2011.

Was sich in Europa beobachten lässt: In Skandinavien dringt Ixodes ricinus in nördlichere Breiten vor, im Gebirge in höhere Lagen. In Deutschland ist der Gemeine Holzbock ohnehin flächendeckend verbreitet; hier verändert sich vor allem die Länge der Saison.

Was sich verändert hat:

  • Saisonale Ausdehnung: Zecken sind ab etwa 8 °C aktiv – milde Winter führen zu Aktivität im Februar oder bis in den November hinein
  • Höhenlagen: In Mittelgebirgen und im Alpenraum werden Zecken auch in Höhen gefunden, die früher als weitgehend zeckenfrei galten
  • Hyalomma-Funde: Vereinzelte Funde der mit Zugvögeln eingeschleppten Hyalomma-Zecke – sie spielt für die Borreliose keine Rolle, kann aber andere Erreger tragen

Was sich nicht eindeutig verändert hat: Eine bundesweite, klar interpretierbare Zunahme der Borreliose-Fallzahlen ist aus den vorhandenen Daten nicht ableitbar. Umgekehrt können Meldezahlen auch durch die Erfassung selbst steigen: 2013 kamen besonders viele Meldungen aus Ländern, die die Meldepflicht gerade eingeführt hatten.

Wer Zahlen für die eigene Region sucht, findet sie für die neun meldepflichtigen Länder beim jeweiligen Landesgesundheitsamt; für die übrigen Länder existieren keine amtlichen Fallzahlen.

Der Jahresverlauf der Meldungen – und warum er täuscht

Die gemeldeten Borreliose-Fälle verteilen sich nicht gleichmäßig über das Jahr, sondern folgen der Zeckensaison mit deutlichem Abstand. Den Ausschlag gibt die Wanderröte, die 3 bis 30 Tage (im Median 7 bis 10 Tage) nach dem Stich auftritt und die häufigste Grundlage einer Meldung ist. Laut RKI häufen sich Wanderröte-Erkrankungen deshalb im Juni und Juli, Neuroborreliosen im Juli und August, während die Stiche selbst schon im Frühjahr beginnen.

Für den Herbst folgt daraus eine Verzerrung, die man kennen sollte. Sinkende Meldezahlen ab September bedeuten nicht, dass keine Zecken mehr stechen – sie bilden vor allem ab, dass weniger Menschen im Freien unterwegs sind und dass die Meldungen des Spätsommers noch unterwegs sind. Zecken bleiben aktiv, solange die Bodentemperatur über etwa sieben Grad liegt, und die Auwaldzecke hat im Herbst sogar einen eigenen Aktivitätsgipfel.

Noch stärker verschoben sind die späten Formen. Eine Lyme-Arthritis oder eine Neuroborreliose zeigt sich Monate nach dem Stich; solche Fälle erscheinen in der Statistik im Winter und im folgenden Frühjahr und werden dort nur selten mit dem Sommer davor in Verbindung gebracht. Wer die Häufigkeitszahlen liest, sollte den Monat der Meldung deshalb nie mit dem Monat des Stiches verwechseln – und wer im Herbst eine Zecke findet, sollte die Einstichstelle über die üblichen Wochen weiterbeobachten, auch wenn die Saison gefühlt vorbei ist.

Was bedeutet das konkret für mich?

Aus all den Daten lässt sich eine pragmatische Handlungsleitlinie ableiten – ohne die Unsicherheit auszublenden, aber auch ohne sich von ihr lähmen zu lassen. Das persönliche Risiko ergibt sich vereinfacht aus zwei Faktoren: Expositionszeit × lokale Borrelien-Durchseuchung. Beide kann man beeinflussen.

Praktische Konsequenzen aus den epidemiologischen Daten

  • Wohnen Sie im Norden ohne Meldepflicht: Das bedeutet nicht „kein Risiko“ – die Wahrscheinlichkeit liegt vermutlich in vergleichbarer Größenordnung wie im Süden
  • Wohnen Sie in einer der Regionen mit hohen Meldezahlen (etwa Westmecklenburg, Erzgebirge, Bayerischer Wald): Stichprävention konsequent umsetzen, jeden Stich dokumentieren
  • Sind Sie häufig im Stadtpark: Genauso aufmerksam absuchen wie nach einem Waldspaziergang – urbane Vegetation ist nicht borrelien-frei
  • Beruflich exponiert (Forst, Jagd, Landschaftspflege): Konsequenter Schutz, Foto-Dokumentation jedes Stichs, regelmäßige arbeitsmedizinische Beratung
  • Familie mit Kindern: Standard-Suchreihenfolge nach jedem Outdoor-Tag (Kopfhaut, Achseln, Kniekehlen, Leisten) – bei Kindern sitzen Zecken laut RKI oft am Kopf, und Jungen von 5 bis 9 Jahren gehören zu den Gruppen mit den höchsten Meldezahlen
  • Hund oder Katze im Haushalt: Laut RKI können besonders Hauskatzen Zecken aus der Umgebung an ihre Besitzer weitergeben – Tiere nach dem Freigang absuchen
  • Nach jedem Stich: Datum, Körperstelle und – wenn möglich – Foto notieren; die Einstichstelle etwa sechs Wochen beobachten

Die wichtigste Botschaft: Das Fehlen einer offiziellen Borreliose-Karte bedeutet nicht, dass das Risiko zufällig oder unkalkulierbar ist. Es bedeutet, dass das Risiko überall in Deutschland real ist und individuell durch Verhalten – nicht durch Wohnort – maßgeblich beeinflussbar wird. Wer die grundlegenden Schutzmaßnahmen aus dem Ratgeber Zecken vorbeugen konsequent umsetzt, reduziert das persönliche Risiko deutlich stärker als jeder geografische Faktor.

Datenquellen und ihre Grenzen

Wer diesen Ratgeber bis hierhin gelesen hat, hat eine berechtigte Frage: Wie verlässlich sind die zitierten Zahlen eigentlich? Diese letzte Sektion macht die methodischen Grenzen transparent – ein Ratgeber zur Borreliose-Epidemiologie ohne Quellenkritik wäre unvollständig.

Quelle 1 – Meldedaten der neun meldepflichtigen Bundesländer: Diese Daten sind die belastbarste verfügbare Grundlage für Inzidenzwerte. Ihre Grenzen: Die neun Länder umfassen nur rund zwei Fünftel der deutschen Bevölkerung; die Falldefinitionen unterscheiden sich teilweise zwischen den Ländern; ein erheblicher Teil der ambulant behandelten Wanderröte-Fälle wird nicht gemeldet.

Quelle 2 – Seroprävalenz-Studien (DEGS, regionale Erhebungen): Diese Studien sind methodisch sauber, aber sie messen lebenslange Exposition, nicht aktuelle Erkrankungsfälle. Antikörper bedeuten nicht „aktuell krank”, und seronegative Personen können trotzdem akut infiziert sein, wenn die Antikörperbildung noch nicht eingesetzt hat.

Quelle 3 – Zecken-Sammelstudien: Diese Studien liefern direkte Aussagen über die Borrelien-Durchseuchung in definierten Habitaten. Ihre Grenze: Die Sammelstellen sind klein und nicht räumlich repräsentativ; Werte aus einem Park lassen sich nicht ohne Weiteres auf einen anderen übertragen.

Quelle 4 – Hochrechnungen auf Basis von GKV-Abrechnungsdaten: Diese Modellrechnungen versuchen, die Erkrankungslast über Diagnose-Codes (ICD-10 A69.2) abzuschätzen. Sie produzieren die höchsten Schätzwerte – rund 214.000 Patienten mit Borreliose-Abrechnung pro Jahr – schließen aber auch Verdachts- und Fehl-Codierungen ein.

Quelle 5 – Europäische ECDC-Daten: Sie sind nützlich für Trends und Vergleiche, aber sie aggregieren extrem heterogene nationale Meldesysteme.

Datenquellen im Vergleich – Stärken und blinde Flecken

  1. 1
    Landesmeldungen

    Belastbar in 9 Bundesländern, deckt aber nur rund zwei Fünftel der Bevölkerung ab und unterschätzt ambulante Fälle

  2. 2
    Seroprävalenz

    Repräsentativ, misst aber Lebenszeit-Exposition statt aktueller Erkrankung

  3. 3
    Zecken-Sammelstudien

    Direkt am Erreger, aber kleinräumig und nicht flächig repräsentativ

  4. 4
    GKV-Abrechnungsdaten

    Höchste Reichweite, aber Diagnose-Codes enthalten Verdachts- und Fehlfälle

  5. 5
    ECDC-Daten

    Gut für Trends und EU-Vergleich, aber methodisch heterogen aggregiert

Warum diese Transparenz wichtig ist: Eine populäre Versuchung in der Gesundheitskommunikation ist es, Unsicherheit zu glätten – etwa indem man eine runde Fallzahl als feste Größe ausgibt. Tatsächlich gibt es nur Einzelbefunde: 26 bis 41 gemeldete Erkrankungen pro 100.000 Einwohner in den Ländern mit Meldepflicht und rund 214.000 Abrechnungsfälle pro Jahr nach Kassendaten. Wer als Leser eine harte Einzelzahl sucht, wird enttäuscht. Wer eine realistische Größenordnung mit nachvollziehbarer Methodik sucht, findet sie hier. Genau diese wissenschaftliche Ehrlichkeit unterscheidet eine belastbare Risikoabschätzung von einer falschen Sicherheit.

Häufige Fragen

Warum sinken die Borreliose-Meldezahlen im Herbst, obwohl noch Zecken aktiv sind?

Weil die Meldung der Wanderröte folgt, nicht dem Stich. Die Wanderröte tritt Tage bis wenige Wochen nach dem Stich auf, sodass die Meldespitze im Sommer liegt; sinkende Zahlen ab September bilden vor allem ab, dass weniger Menschen im Freien unterwegs sind. Zecken bleiben aktiv, solange die Bodentemperatur über etwa sieben Grad liegt, und die Auwaldzecke hat im Herbst einen eigenen Aktivitätsgipfel. Späte Formen wie Lyme-Arthritis erscheinen erst Monate später in der Statistik.

Warum gibt es keine offizielle Borreliose-Karte für Deutschland?

Anders als FSME ist Borreliose nicht bundesweit meldepflichtig. Nur in neun von sechzehn Bundesländern (Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) werden Fälle systematisch erfasst. Dieser Flickenteppich macht eine zentrale RKI-Karte methodisch unmöglich – nicht aus Versäumnis, sondern aufgrund der gesetzlichen Datenstruktur.

In welchem Bundesland tritt Borreliose am häufigsten auf?

Die großen Unterschiede verlaufen zwischen Landkreisen, nicht zwischen Ländern. Die RKI-Auswertung der Meldedaten 2013 bis 2017 fand die höchsten Inzidenzen in Westmecklenburg mit Schwerin (im Mittel 138 Fälle pro 100.000 Einwohner und Jahr), Nord-Brandenburg, im Erzgebirge, in Hunsrück/Eifel, in der Fränkischen Alb und im Bayerischen Wald; der niedrigste Wert lag bei 0,5 in Kaufbeuren. Für Bundesländer ohne Meldepflicht (etwa NRW, Hessen oder Baden-Württemberg) gibt es keine amtlichen Vergleichswerte.

Sind Stadtparks sicherer als ländliche Wälder?

Nicht automatisch. Eine europäische Übersichtsarbeit beschreibt reichliche Zeckenpopulationen in städtischen Grünflächen, in denen Kleinsäuger, Vögel, Hunde und Katzen als Wirte dienen; auch dort werden Zecken mit Borrelien gefunden. Die intuitive Annahme einer „borreliose-freien Stadt“ ist nach Datenlage nicht haltbar.

Warum zeigt Ostdeutschland höhere Borreliose-Werte als der Norden?

Zum Teil liegt es an der Datenlage: Meldepflicht besteht vor allem im Osten, während für Norddeutschland mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern keine Meldezahlen existieren. Wo gemeldet wird, entstehen die Unterschiede laut RKI aus der örtlichen Zeckendichte, dem Anteil borrelien-positiver Zecken und der Häufigkeit, mit der Menschen Zecken ausgesetzt sind. Hohe Werte zeigen etwa Westmecklenburg, Nord-Brandenburg und das Erzgebirge.

Wie viele Zecken in Deutschland sind borrelien-positiv?

Die Durchseuchung hängt vom Lebensstadium der Zecke und von der Region ab. Eine Metaanalyse europäischer Studien fand im Mittel 10,1 Prozent infizierte Nymphen und 18,6 Prozent infizierte erwachsene Zecken, mit den höchsten Raten in Mitteleuropa; Larven sind nur selten infiziert. Laut RKI schwankt der Anteil kleinräumig sehr stark. Eine borrelien-positive Zecke heißt nicht automatisch Übertragung: Die Zecke muss mindestens mehrere Stunden gesaugt haben, in den ersten Stunden ist das Risiko gering.

Steigt das Borreliose-Risiko in Deutschland durch den Klimawandel?

In Europa dringt der Gemeine Holzbock in Skandinavien nach Norden und im Gebirge in höhere Lagen vor, und milde Winter verlängern die Zeckensaison. Für Deutschland lässt sich aus den Meldedaten keine eindeutige Zunahme ableiten: Die Meldeinzidenz schwankte laut RKI zwischen 26 und 41 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner, und auch die Antikörper-Studien zeigen altersbereinigt keinen Anstieg.

Schützt die FSME-Impfung auch gegen Borreliose?

Nein. FSME wird durch ein Virus ausgelöst, Borreliose durch Bakterien (Borrelia-Spezies). Die FSME-Impfung schützt ausschließlich vor Frühsommer-Meningoenzephalitis und hat keinen Effekt auf eine Borrelien-Infektion. Eine zugelassene Borreliose-Impfung gibt es in Deutschland derzeit nicht; den Impfstoffkandidaten von Pfizer und Valneva (früher VLA15) prüft die EMA seit August 2026 zur Zulassung.

Bedeutet ein positiver Borrelien-Antikörper-Test, dass ich krank bin?

Nein. Antikörper gegen Borrelien zeigen lediglich an, dass das Immunsystem im Laufe des Lebens Kontakt mit dem Erreger hatte. Sie können nach einer durchgemachten und behandelten Erkrankung jahrelang nachweisbar bleiben oder von einem unbemerkten Verlauf stammen. Die Diagnose einer aktiven Borreliose stellt eine Ärztin oder ein Arzt immer im Zusammenhang von Klinik (etwa Wanderröte) und Labor – nie aus einem isolierten Antikörperbefund.

Die in diesem Ratgeber dargestellten epidemiologischen Werte sind Bandbreiten aus mehreren Datenquellen und ersetzen keine individuelle ärztliche Beratung. Eine regional erhöhte oder niedrige Inzidenz beschreibt statistische Wahrscheinlichkeiten, nicht das persönliche Erkrankungsrisiko. Bei Wanderröte, Fieber, Gelenkschwellung, Fazialisparese oder anderen Beschwerden nach einem Zeckenstich sollte unabhängig vom Wohnort umgehend ärztlicher Rat eingeholt werden – Borreliose ist im Frühstadium sehr gut mit Antibiotika behandelbar.

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